Aktuelles und New's von Gestern

Ein Kommentar von Siegfried Rauch aus Motorrad 9/76 und ein Interview dazu mit keinem geringerem als Kenny Roberts persönlich. Textlich leicht abgeändert, erweitert, kombiniert und von mir erstmals nachillustriert.

 

Als vor Jahren die Amerikaner damit begannen, bei großen Straßenrennen dem Publikum eine Soloklasse zu bieten, in denen Maschinen mit mehr als 500 ccm Hubraum an den Start gebracht werden konnten, war das die Geburt jener Rennkategorie, die inzwischen durch die FIM als „Formel 750" sanktioniert wurde. Ja, - eine Zeitlang hatte es sogar den Anschein, als ob diese neue Klasse eines Tages allein prädestiniert sein würde, alljährlich den Straßen-Weltmeister zu präsentieren. Die bisher in den Soloklassen von 50 bis 500 ccm herausgefahrenen Weltmeisterschaften sollten dann vielleicht den Status von Europa-Meisterschaften erhalten. Freilich gab es gegen solche Pläne auch schwere Bedenken. Der erste, der Bedenken gegen die neue „amerikanische" Soloklasse äußerte, war der Präsident. der Technischen Kommission in der FIM, H. W. Bönsch. Ihm erschien das, was da in Amerika vorexerziert wurde, als höchst gefährlich, ja teilweise sogar verantwortungslos.

Und zwar primär wegen der völlig unkontrollierten Fahrgestellbauereien, die da beispielsweise bei den ersten Daytona Veranstaltungen an den Start gebracht wurden, großvolumige, leistungsstarke Triebwerke in Fahrwer-
ken, die diesen Leistungen mit einiger Sicherheit gar nicht gewachsen sein konnten. Später ist es dann, - nicht zuletzt dank Bönschs Initiative - gelungen, die technischen Bestimmungen für die Formel 750 einigermaßen in den Griff zu bekommen. Aber dann ist die Entwicklung und das nicht zu bremsende Leistungsstreben der Fahrer bzw. Konstrukteure dem Erreichten wieder davongelaufen. Und wenn man heute mit Bönsch als dem letztlich für die Überwachung der Rennentwicklung im internationalen Motorsport Verantwortlichen über dieses Thema spricht, dann macht er kein Hehl daraus, daß für ihn die Grenze erreicht, ja bereits überschritten ist, an der das Verantwortungsbewußtsein gegenüber Fahrern und Zuschauern weiterer Steigerung der Effektivleistung für ein Einspurfahrzeug kategorisch Halt gebietet. Von der Technik (z. B, der Reifenentwicklung), mehr noch aber vom rein Menschlichen her.

Selbst Monströse Doppelduplex-Trommel- bremsen mit großem Durchmesser, guter Belüftung und breiten Rennbelägen sind in der heutigen (1976!) Formel 750 bezüglich ihrer Standfestigkeit absolut nicht mehr ausreichend. Heute allerdings wären Classic-Racing Freunde heilfroh solche Stopper überhaupt noch bezahlbar zu bekommen. So ändern sich eben auch diese Zeiten!
Im Anschluß an den diesjährigen Lauf in Daytona hat sich Kenny Roberts, immerhin Star im amerikanischen
Renngeschehen, zum Wort gemeldet und genau das zum Ausdruck gebracht, über das sich bisher mancher gern als „Angstpsychose überalterter FIM Funktionäre" mokieren wollte. Kenny Roberts plädiert, noch unter dem Eindruck seines Vollgas-Duells mit Johnny Cecotto in Daytona, für eine Reduzierung der Hubräume.
Kenny Roberts: Die Geschwindigkeiten der 750er sind auf Kursen wie Daytona ganz einfach zu hoch geworden, um noch sicher zu sein. Es gibt, Daytona bewies es, keine Reifen, die diese Geschwindigkeiten aushalten. Ein geringfügiger Fahrfehler, die geringste mechanische Unregelmäßigkeit - und der Fahrer ist hilflos. Gewiß ist Rennfahren immer mit hohem Risiko verbunden. Aber 180 mph (ca. 288 km/h) sind einfach zu viel.

Die Reifentechniker hatten aus der Misere gelernt und brachten neues für's damalige 73er Daytona Spektakel. Von links: Slick für hinten von Goodyear, KR 97 „Daytona 200" mit sehr breitem Querschnitt und fast profillose Variante von Goodyear für das Vorderrad.
Der Mittlere erinnert mich mehr an Straßenreifen, und die beiden anderen sehen reichlich zerrupft aus, Na ja ??
Roberts ist der Meinung, daß es viel größere fahrerische Fähigkeiten erfordert, eine 250er bis zu ihrer Leistungsgrenze auszufahren als eine 750er.
Kenny Roberts: Ich glaube, daß eine Reduzierung auf 350, noch besser 250 ccm im amerikanischen Rennsport das Beste für alle Beteiligten wäre. Wir würden dann zwar um 20 mph (ca. 50 km/h) in der Spitze langsamer sein - aber den Unterschied würden die Zuschauer gar nicht feststellen können. Rennfahren würde dann weniger gefahrvoll sein, würde aber auch weniger kosten und es wäre (bei gleicher Show-Wirkung) besserer Sport."
Besorgt über die heutigen „drei Meilen pro Minute" -Geschwindigkeiten beschwört Kenny Roberts die Organi-
satoren in den USA, die gegenwärtige Formel 750 zu reduzieren - am besten gleich auf 250 ccm. Falls das nicht bis 1977 geschähe, werde er, immerhin Amerikas Topfahrer und zweimal Nummer eins in Daytona, dort nicht mehr am Start sein.
Kenny Roberts: Cecotto und ich, hatten in den Steilwandkurven von Daytona keine Kontrolle mehr über das, was hätte geschehen können. Einmal kamen wir an einen langsameren Fahrer heran, als dessen Motor plötzlich fest ging. Cecotto lag genau zwischen diesem Fahrer und der Außenwand, ich direkt dahinter. Johnny ging mit Vollgas vorbei und ich folgte ihm, bei diesen Geschwindigkeiten gibt es keine Alternative, und das ist das Unver-
antwortliche dabei.
Durch die gefahrene Geschwindigkeit überhitzte sich der Hinterreifen an Roberts Yamaha so stark, daß er in den Steilwandkurven schließlich kein Vollgas mehr stehen lassen konnte. Die Reifen waren weich wie Gummi.

Ob sich die Konstrukteure bei den Bergen von Reifen, selbst 100% sicher waren darf bezweifelt werden?

Kenny Roberts: Sogar bei geringerer Fahrt kam ich so stark ins Schleudern wie auf der Aschenbahn und wenn es meinen Reifen in der Kurve abgeschossen hätte, dann wäre ich jetzt nicht mehr hier. Nahezu 300 km/h sind einfach zuviel, man kann nicht einmal mehr die Leuchtanzeige lesen, so schnell ist man vorbei.
Und dabei sind die heutigen Geschwindigkeiten noch gar nichts im Vergleich zu dem, was ein Mann wie Kel Carruthers noch aus dem Yamaha-Motor herausholen könnte, wenn er will, z. B. bei meiner-TZ750 bestimmt noch mal 20PS mehr.
Dabei sieht Kenny Roberts nicht allein die Sicherheits-, sondern auch die Kostenfrage, wenn er für 350ccm oder 250ccm plädiert:
Kenny Roberts: In der letzten Zeit mußten sich die meisten Werke aus dem Rennsport zurückziehen, derzeit sind mehr Topfahrer ohne Vertrag denn je zuvor. Es muß etwas hinsichtlich der hohen Rennkosten geschehen, und das Beste wäre, auf 250 ccm umzusteigen. Man kann keine 750er Straßenrennmaschine für 2000 Dollar bauen wohl aber eine 250er. Zudem hat fast jedes Werk eine gute 250er: Yamaha, Kawasaki, Harley-Davidson z. B. Zwischen diesen Maschinen der einzelnen Marken ist der Leistungsunterschied gering. Aber für die Formel 750 wird man immer bestrebt sein, die Leistung weiter zu steigern - was zwar die Kosten immens mit steigen läßt, aber nicht den sportlichen Wert der Rennen, weil ihn nicht mehr der Fahrer 100% bestimmen kann.
Werden diese Worte gehört werden, solange noch Zeit ist?                                                   S.Rauch
Einen Kommentar dazu erspare ich euch, bei den aktuellen Moto GP Wahn weiss ja wohl jeder selber wo der Hammer hängt, bzw. was die Schwarte kostet! Aber so unrecht hatten eigentlich beide gar nicht, oder?